Jüngere Ichs/Anteile kennenlernen – ein Zugang zu den „inneren Kindern“

Vielleicht kennen Sie das ja: Sie erreichen ein persönliches Ziel und in die Freude über die Anerkennung mischt sich auch ein jüngerer, kindlicher Anteil, der sich „mitfreut“. Sie erleben einen besonderen Tag mit einem Freund/einer Freundin und auch hier steigt so etwas wie eine spielerische, kindliche Freude in Ihnen auf. Aber auch: Jemand äußert Kritik an Ihnen und sofort fühlen Sie sich wieder traurig und missachtet wie in ein paar Situationen aus Ihrer Vergangenheit…

Das sind alltägliche Situationen, in denen Sie vielleicht schon einmal in Kontakt mit einem Ihrer jüngeren Ichs bzw. inneren Kindern waren, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen. Es ist relativ natürlich für uns, dass bei manchen Erlebnissen, jüngere, vertraute Wahrnehmungen und Gefühle in uns hochsteigen. Wenn wir mit dem Modell des „inneren Kindes“/der jüngeren Anteile vertraut sind, kann es sein, dass zugleich ein Bild als Symbol in uns aufsteigt, von der „jüngeren Susanne“ oder dem „kleinen Tobi“.

Die Vorstellung kindlicher Anteile im Menschen wurde bereits früh in psychoanalytischen Theorien angelegt. In der Trauma-Therapie wird von sogenannten „Ego-States“ („Ich-Anteilen“) gesprochen, die auch eine kreative Schöpfung der Persönlichkeit darstellen.

Während wir uns in unserem Alltagsbewusstsein meist vorstellen, wir seien immer die Gleichen, setzt das Modell vieler Ichs voraus, dass wir jeden Tag so etwas wie neue Menschen mit unterschiedlichen Anteilen sind. Die jüngeren Ichs können in uns mehr oder weniger präsent sein, mit manchen sind wir nie in Kontakt, andere machen sich regelmäßig bemerkbar. In manchen Fällen können frühere Erlebnisse und Verletzungen dazu führen, dass Lebensprozesse unterbrochen bzw. „gestoppt“ wurden, und dadurch das innere Erleben wie „eingefroren“ ist. Arbeit mit verletzten inneren Anteilen setzt ein behutsames Vorgehen voraus – für das Stabilität und ein sicherer Rahmen Voraussetzungen sind.

In einer Therapie stehen meist verletzte jüngere Anteile im Mittelpunkt. Es geht darum, sich Ihnen mitfühlend und tröstend zuzuwenden und sich im ersten Schritt zunächst ein wenig vertraut mit Ihnen zu machen. Wenn wir davon ausgehen, dass wir jeden Tag so etwas wie neue Menschen mit unterschiedlichen Anteilen sind, dann ist es auch möglich, sich vorzustellen, dass ich als heutige, erwachsene Person, in Kontakt treten kann mit meinen jüngeren Ichs, dass ich mit Ihnen sprechen, sie trösten und unterstützen kann.

Im therapeutischen Setting genügt es zu Beginn vielleicht, wahrzunehmen, welches innere Bild entsteht und etwas genauer zu beobachten, wie das innere Kind aussieht, wo es sich befindet und was es gerade tut. Nicht jedes jüngere Ich ist gleich bereit, sich vertrauensvoll dem Erwachsenen zuzuwenden. Oft ist es hilfreich, das Kind in der Vorstellung erst einmal aus der ursprünglichen Situation herauszuholen und ihm einen Platz im Raum zu geben. Wichtig ist mir dabei, dass zwischen dem anwesenden erwachsenen Ich und dem jüngeren Ich, zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart unterschieden wird.

Wenn es Ihnen nicht um die Arbeit mit verletzten jüngeren Anteilen geht, sondern Sie den Kontakt zu einem Ihrer jüngeren Ichs etwas vertiefen möchten, können Sie sich Ihrem inneren Kind auch spielerisch etwas häufiger zuwenden. Beobachten Sie, wann sich in alltäglichen Situationen schon etwas von der ursprünglichen kindlichen Lebensenergie zeigt, und wenn Sie sich Zeit nehmen und ein wenig dabei verweilen: Welches Bild steigt in Ihnen auf? Folgen Sie dem, was sich zeigt und spielen Sie vielleicht ein wenig mit dem Kind. Oder Sie überlegen, an welche Orten sich Ihr inneres Kind besonders wohl fühlen würde und besuchen Sie diese einmal. Sie können auch Ihr Lieblingskinderbuch lesen oder oder oder…

Ihrem jüngeren Ich – und auch Ihnen selbst – wird das höchstwahrscheinlich sehr guttun. Sie bewahren sich damit einen kostbaren Teil Ihrer kindlichen Lebensenergie und sorgen zugleich für ein zufriedenes Gefühl sowie für mehr Einklang mit sich selbst.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Spielen, Träumen und dem (Wieder-)Entdecken Ihrer kindlichen Seiten!

Selbstmitgefühl – ein achtsamer Umgang mit den eigenen Gefühlen

Ängste, Reizbarkeit, Wut oder Traurigkeit – wenn wir negativ empfundene Gefühle bei uns bemerken, reagieren wir darauf meistens wie auf unliebsame Gäste, die wir schnellstens wieder loswerden möchten. Unbewusst haben wir gelernt, dass es ungehörig ist, Aggressionen zu zeigen, und dass Traurigkeit zu einer depressiven Stimmung führen kann. Wir wollen Angst, Wut, Trauer etc. nicht ausgeliefert sein und versuchen deshalb, sie zu unterdrücken und möglichst nicht zu fühlen.

Häufig befürchten wir, dass die Gefühle intensiver werden und nicht mehr weggehen. Also dass wir wie in einem Meer der Traurigkeit versinken oder dass unsere Aggressionen anhalten und für uns und andere zerstörerisch wirken. Dagegen sprechen jedoch neuere Forschungsergebnisse, wie die der Neurologin Jill B. Taylor, die besagen, dass die meisten starken Empfindungen unseres Gehirns nach gut 90 Sekunden so weit abklingen, dass wir wieder ‘normal’ denken und handeln können.

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Zum Umgang mit Scham

Scham ist ein Gefühl, dass wir am liebsten vermeiden möchten. Es ist schwer, über ein Thema zu sprechen, das wir mit Scham verbinden, und wenn wir uns akut für etwas schämen, suchen wir oft unbewusst schon nach einer Tür mit der Aufschrift „Exit“. Die Scham behält dadurch ihre Macht über uns, dass wir schweigen und nach außen so tun, als wäre alles in Ordnung, während wir im Inneren mit unseren Gefühlen kämpfen und uns minderwertig fühlen.

Beispiele für schambesetzte Themen können sein: beruflich läuft es gerade schlecht, arbeitslos zu sein, Probleme in der Partnerschaft, keinen Partner zu finden, kinderlos zu sein, ungeduldig mit seinen Kindern zu sein, die Kinder anzuschreien, süchtig zu sein, eine Krankheit zu haben, depressiv zu sein, wenig leistungsfähig zu sein, die Bewertung des eigenen Aussehens…

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Zum Umgang mit dem inneren Kritiker

Wir alle kennen diese fiese innere Stimme, die uns regelmäßig mit Selbstvorwürfen und Zweifeln attackiert: „Ich schaffe das sowieso nicht.“, „Ich kann mich selbst nicht leiden, wenn ich mich so vernachlässige.“ „Ich kann mich einfach nicht gut genug ausdrücken!“ und so fort. Sie kann uns das Leben und die Beziehung zu uns selbst ganz schön schwer machen und uns in entscheidenden Momenten blockieren, uns minderwertig fühlen lassen und auch die Beziehung zu anderen stören.

Oft sind uns die Botschaften des inneren Kritikers schon so vertraut, dass wir gar nicht merken, wie hart wir gegen uns selbst vorgehen. Wir halten die innerlichen Bewertungen und Urteile, die sich unablässig wiederholen, für die Realität. Deshalb ist der erste Schritt, um sich aus dem ‚Klammergriff‘ des inneren Kritikers zu befreien, ihn sich bewusst zu machen – und als einen Teil von uns zu identifizieren. Denn der innere Kritiker ist nicht die „Stimme der Wahrheit“, sondern eine früher einmal entstandene kreative Strategie, die uns damals als hilfreich erschienen ist.

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Ich bin genug – Wege raus aus dem Perfektionismus

Perfektionismus ist heute ein so weit verbreitetes Phänomen, dass es schwerfällt, das dahinter liegende Muster einfach so abzustreifen. Wir erwarten von uns selbst nicht einfach nur gute, sondern die allerbesten Ergebnisse, damit der Chef oder die Kollegen uns anerkennen und wir mit uns selbst zufrieden sein können. Statt uns selbst und unser Aussehen zu akzeptieren, wie wir sind, quälen wir uns mit Selbstvorwürfen und Zweifeln. Die Arbeit an dem neuen Konzept oder unserer Website schieben wir immer weiter auf und fühlen uns blockiert, weil wir eine viel bessere Vision vor Augen haben, die wir erreichen könnten.

Ein gesundes Maß an Perfektionismus ist durchaus unproblematisch: Ansprüche an uns selbst können uns dazu bringen, beruflich erfolgreich zu sein, unsere persönlichen Ziele zu erreichen und uns weiterzuentwickeln. Schwierig wird es erst, wenn die Maßstäbe, die wir an uns selbst oder die Erfüllung unserer Aufgaben richten, unrealistisch werden. Wenn wir also nicht mehr nur gute oder sehr gute Ergebnisse erzielen wollen, sondern perfekte Ergebnisse abliefern wollen. „Ich bin genug – Wege raus aus dem Perfektionismus“ weiterlesen

Authentisch leben

Wer sehnt sich nicht danach, authentisch zu sein und so zu leben, wie es einem selbst entspricht? Sich nicht zu verbiegen, gerade seine Meinung auszudrücken und den eigenen Impulsen zu folgen. Die meisten Menschen haben das Bedürfnis, echt und im Einklang mit sich selbst zu sein – und trotzdem kennen wir auch alle das Gefühl, mit unserer Meinung hinter dem Berg zu halten, die (gedachten) Erwartungen von anderen über uns zu stellen und uns zu verstellen.

In manchen Momenten fällt es uns wahrscheinlich eher auf: wenn wir über unsere Grenzen hinweg gegangen sind oder wenn wir innehalten und zur Ruhe kommen. Es kann eine schwierige Selbsterkenntnis sein, wenn wir merken, dass wir lange Zeit gegen unsere wirklichen Impulse gehandelt haben. Gleichzeitig raubt es eine Menge Energie, wenn wir uns selbst verstecken und vor anderen so tun, als seien wir jemand anderes.

Im besten Fall ignorieren wir diese Momente nicht, sondern nutzen sogar den damit verbundenen Ärger auf uns selbst oder unsere Unsicherheit, um uns selbst zu erforschen und mehr so zu handeln, wie es uns entspricht. „Authentisch leben“ weiterlesen

Was bedeutet Selbstfürsorge? 10 Impulse

Momentan ist für uns alle eine besondere Zeit, die uns vor neue Herausforderungen stellt, in der wir neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln und in der wir auch vielfach auf uns selbst zurückgeworfen sind – einfach, weil wir mehr Zeit zuhause, mit uns selbst verbringen (im Homeoffice, bei der Kinderbetreuung oder als Alleinstehende). Bei mir selbst und bei meinen Klienten erlebe ich es momentan als besonders wichtig, dass wir uns gute Strukturen schaffen, wie wir unser Leben gestalten möchten, und dass wir eine gute Selbstfürsorge entwickeln.

Bei der Selbstfürsorge – oder auch dem Begriff Selbstsorge – geht es übrigens nicht allein darum, wie man für sich selbst am besten sorgt. Vielmehr schwingt darin die Fähigkeit mit, sich auf veränderte Bedingungen einzustellen, aus Herausforderungen zu lernen – und sein Ich bestmöglich zu entfalten, so dass es einem selbst und der Gemeinschaft mit anderen Menschen bestmöglich dient. Selbstfürsorge kann also als eine Verpflichtung mir selbst und anderen gegenüber verstanden werden – und ist keineswegs egoistisch. 😉 „Was bedeutet Selbstfürsorge? 10 Impulse“ weiterlesen

Möglichkeiten im Umgang mit starken Gefühlen

Jeder kennt solche Situationen: Eine Bemerkung oder das Verhalten eines anderen Menschen hat uns verletzt und wir reagieren innerlich mit überschäumender Wut. Wir erleben einen Verlust oder erinnern uns an ein schmerzhaftes Erlebnis und eine große Traurigkeit steigt in uns auf. Die Intensität der Gefühle kann uns überraschen und am liebsten würden wir in diesem Moment einfach aussteigen und die Gefühle links liegen lassen – was uns aber häufig nicht gelingt.

Oft entstehen dann auch Gedanken wie: „Ich darf auf keinen Fall so wütend (traurig, ängstlich etc.) sein!“, „Ich muss stark sein und keiner darf mir etwas anmerken.“ und sogar „Ich muss andere vor meinen intensiven Gefühlen schützen.“ Uns diese Gefühle zu erlauben, scheint in diesen Augenblicken jenseits unserer Vorstellungskraft.

In diesem Blog-Artikel möchte ich eine Möglichkeit beschreiben, wie wir in mehreren Schritten auf solche intensiven Gefühle reagieren können – ohne uns von ihnen beherrschen zu lassen. „Möglichkeiten im Umgang mit starken Gefühlen“ weiterlesen

Den inneren Kritiker neu bewerten

„Schon wieder etwas falsch gemacht! Das lernst du nie. Streng dich mehr an! Andere können das viel besser. Sei doch nicht so ein Angsthase! Du musst mehr Geld verdienen. Sei doch nicht so ein Angeber! Du musst immer freundlich sein. Sei doch…!“ So oder so ähnlich hört sich unser innerer Kritiker in manchen Momenten an; und die Liste kann endlos fortgesetzt werden. Oft ist uns gar nicht bewusst, was wir uns selbst wiederholt erzählen, bis uns irgendwann auffällt, wie streng wir mit uns selbst ins Gericht gehen.

Der „innerer Kritiker“ ist diejenige Instanz in uns, mit der wir ständig uns selbst (und andere) bewerten. Dem inneren Kritiker kann man es nie wirklich recht machen, immer gibt es etwas zu nörgeln, machen wir etwas nicht gut genug oder suchen wir den Fehler bei uns. Es ist möglich, dass uns die Stimme des inneren Kritikers an jemanden erinnert, sei es an einen Elternteil, an eine ungeliebte Tante oder an eine andere autoritäre Person aus unserem Leben. Der innere Kritiker/die innere Kritikerin kann für verschiedene innere Personen stehen und kann sich in unterschiedlichen – negativen und destruktiven – Botschaften zeigen. „Den inneren Kritiker neu bewerten“ weiterlesen